Lieselotte Frank, geborene Apitzsch wurde 1936 geboren. Ihre Erinnerungen schrieb Idis Eisentraut auf. In diesem Kurztext geht es um die Zeit, als nach dem Krieg das Leben anfing, sich wieder normaler zu gestalten, eben als man sein Leben wieder in die Hand nahm. Ihre Geschichte hat die Überschrift
Lieselotte wurde mit fünfzehn, 1951, aus der Volksschule entlassen. Es gab aber keine Lehrstellen. Sehr gerne wäre sie Kinderkrankenschwester geworden. Das ging nur leider nicht, denn damals gehörte diese Lehre zu den Berufen, zu denen man noch zuzahlen musste. Das konnte sich ihre Familie überhaupt nicht leisten. Aber dann gab es über die große Familie doch wieder jemanden, der um ein paar Ecken jemanden kannte oder auch einen Onkel oder eine Tante … Es fügte sich, dass es eine Nenn-Tante gab, die immer am Hansaplatz im Lebensmittelgeschäft Burmeister einkaufte. Auch damals war das keine elegante Adresse. Burmeisters hatten zwar noch nie eine Angestellte oder einen Lehrling gehabt, aber man kam ins Gespräch, Lieselotte fuhr hin, stellte sich vor und wurde genommen. Da verbrachte sie „wunderbare Zeiten“. Sie fühlte sich wie eine Tochter der Familie. Privat wohnten Burmeisters über dem Hansatheater am Steindamm. Die Frau kochte in der Privatwohnung, und die Familie ging mittags rauf zum Essen. Lieselotte war am Wochenende, wenn sie Lust hatte, sogar mit im Schrebergarten. Es gab allerdings keine festen Arbeitszeiten. Sie gehörte zur Familie, und die arbeitete von morgens bis abends so lange, bis alles fertig war. Aber das tat sie gerne, denn sie gehörte wieder dazu. Hier schloss sie ihre Lehre als Einzelhandelskauffrau ab. Aber es war klar, dass sie nicht übernommen werden würde.
Nach der Lehre wusste sie erst mal nicht, wie es beruflich weitergehen sollte, sie kannte ja nichts anderes als Burmeister. Es fügte sich, dass eine Freundin aus der Berufsschule sich bei der Konsumgenossenschaft Produktion, später co-op, bewerben wollte. Fräulein Apitzsch, denn Lieselotte war inzwischen ja eine junge Frau, nahm die Gelegenheit wahr und ging einfach mal mit, um sich vorzustellen. Der Mensch in der Personalabteilung nahm sie beide „sofort und unbesehen“. Die Bezahlung war nach Tarif, der war allerdings für Frauen niedriger als für Männer, was zu der Zeit auch selbstverständlich war. „Heute würde ich dafür einen dicken Hals kriegen. Aber damals hat uns das gar nicht aufgeregt, das war eben so.“
In Hamburg und Umgebung gab es viele Filialen, und man wurde hingeschickt, wo man gebraucht wurde. Ihre erste Filiale lag in der Fuhlsbüttler Straße, Ecke Mildestieg. Hier fühlte sie sich unter den Kolleginnen auch gleich wieder wohl. Darunter war auch ein Kollege, Udo, der war ihr sympathisch, sehr sogar. Dass er mal später ihr Ehemann werden würde, war natürlich noch gar nicht abzusehen.
Es boomte dann, es waren die Aufbauzeiten. Fräulein Apitzsch verdiente nicht viel, aber regelmäßig. „Da habe ich mir mein erstes Fahrrad zusammengespart.“ Sie musste selbstverständlich auch zu Hause was abgeben. Zu allen Kollegen hatte sie ein gutes Verhältnis, aber mit ihrem späteren Mann, er war zwei Jahre älter, freundete sie sich bald irgendwie besonders an. Die Kollegen waren eine richtige Clique. Im Sommer fuhren sie abends oft nach Dienstschluss mit den Fahrrädern zum Stadtparksee zum Schwimmen. Irgendwann fügte es sich, dass der eine nicht konnte und der andere auch nicht, schließlich waren nur noch sie und ihr netter Kollege übrig. „Und ja, wollen wir?“ „Ja, wir fahren denn.“ Also sind sie zu zweit zum Schwimmen gefahren. Und fanden das zu zweit mindestens so nett wie mit der ganzen Clique und sind dabei geblieben.
So kamen sie sich immer ein bisschen näher. Im Laden wurde das natürlich gesehen und beschmunzelt. Es war ja insgesamt eine nette Atmosphäre. Eine Putzfrau lud eines Tages mal die ganze Ladencrew in ihren Schrebergarten ein. „Irgendwann schnappte mich einer und hat mir die Augen verbunden, und dann, das hab ich gar nicht so mitgekriegt, schnappte einer meinen Mann und hat dem auch die Augen verbunden. Dann wurde an mir rumgefriemelt, und wir wurden irgendwo hingeführt und auf eine Gartenbank gesetzt. Dann wurden die Tücher abgenommen, und da hatten sie mich als Braut verkleidet mit einer Gardine als Schleier und meinen Mann irgendwie mit einem Hut auf als Bräutigam. Dann wurden wir im Garten der Putzfrau getraut. Weil es sich zeigte, wir mögen uns mehr als einfach nur als Kollegen.“
In dem kleinsten Zimmer ihrer Wohnung, ihrem Stübchen, hat sie es sich gemütlich gemacht: ein bequemer Sessel, ein Fernseher, rundherum Reiseandenken und Fotos der Familie, darunter ein schön gerahmtes Porträt eines leise lächelnden, freundlichen Mannes, Udo. Vom Sessel aus schaut sie gern in den Himmel, sieht den Wolken zu und lässt ihre Gedanken schweifen – zu ihrer Familie, zu den vielen Menschen, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnet ist, zu denen, die nicht mehr da sind, aber besonders zu denen, mit denen sie sich noch treffen oder die sie anrufen kann. Diese Kontakte pflegt sie, so gut es noch geht. Manchmal trifft sie sich mit ihnen, wenn sich jemand findet, der sie fährt. Es findet sich immer jemand.
Ihr Mann ist allen noch gegenwärtig. „Er ist einfach noch da.“ Bei vielen Dingen, die heute gemacht oder entschieden werden müssen, heißt es, Udo würde das wollen, das weiß sie. Wenn sie mit Menschen ihrer Generation spricht, die ihren Mann kannten, ist er auch ihnen nach diesen etlichen Jahren noch gegenwärtig. In ihrem Stübchen hängt er an der Wand, da schmunzelt er, und dann weiß sie, er freut sich, wenn’s allen gut geht. Und den Kindern eben auch. Allen.