Was macht die Biografiewerkstatt ?

Unsere Biografie-BĂŒcher

 

                   Termine fĂŒr Lesungen  2017 / 2018

Mittwoch, 13.Dez.2017 ; 15.00 Uhr    CDU Seniorenunion, Palottihalle der kath.Kirche
                                                    Rahlstedter Weg 13 / Ecke Berner Heerweg

Samstag, 24. Februar 2018, 15.00 Uhr; Seniorenkaffee-Gemeindehaus Farmsen
                                                      Bramfelder Weg 25, 22159 Hamburg

Freitag;   13.April 2018;  20.00 Uhr,  Philemon-Kirche
                                                   PoppenbĂŒtteler Weg 97, 22399 Hamburg

 

Sie haben Fragen zur Biografie Werkstatt, Sie möchten mitarbeiten oder mehr erfahren ?
hier Ihre Ansprechpartner

        Frau Marianne Laaksonen

    Tel.: 040 644 65 83

        Frau Christel Vierle

    Tel.: 040 643 81 81

Ihre elektronische Post können Sie an die gemeinsame E-Mail Adresse versenden:

BiografiewerkstattFarBe@yahoo.de
 

 

Neues aus der Biografiewerkstatt ( 27.8.17 )

Im Februar 2016 erschien das fĂŒnfte Buch (Gut, dass wir gefragt wurden). Inzwischen haben die Mitarbeitenden der Werkstatt viele Lesungen aus ihren BĂŒchern gehalten. Und wir haben erneut Adressen bekommen fĂŒr die nĂ€chsten Interviews. So machten sich im FrĂŒhjahr 2017 die Ehrenamtlichen wieder auf den Weg, um hochbetagte MĂ€nner und Frauen zu treffen und ihnen zuzuhören. Die Besuchszeit wurde vorher telefonisch angekĂŒndigt und jede von uns wurde sehr herzlich empfangen. Trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, wie schnell sich das Vertrauen zwischen eben noch ganz fremden Menschen aufbaut. Wir hörten ganz besondere und einmalige Geschichten aus einer fĂŒr uns fremden Zeit. Die ErzĂ€hlenden strahlten uns an vor Freude beim zweiten oder dritten Besuch. Sie achteten aber auch darauf, dass wir das ihnen wirklich Wichtige unbedingt aufschreiben wĂŒrden. Alte Alben wurden auf der Suche nach passenden Fotos durchblĂ€ttert. Bei manchen Bildern blieben dann erst einmal die Gedanken hĂ€ngen, fielen den ErzĂ€hlern noch weitere Geschichten ein. Und nach den Interviews begann dann die eigentliche Arbeit der Werkstatt. Die AutorInnen sollten die Geschichten möglichst authentisch wiedergeben, damit die Leser/innen sich ein Bild machen können von den Frauen und MĂ€nnern, aus deren Leben hier erzĂ€hlt wird. Und die einzelnen Biografien sollen auch interessant sein fĂŒr Menschen, die bisher keinen Bezug zu den ErzĂ€hlenden hatten. Da hilft es, dass die Werkstatt eine Redaktion hat, die nicht nur auf Rechtschreibung und Zeichensetzung achtet, sondern sich auch als „erste Leserin“ um die VerstĂ€ndlichkeit des Textes kĂŒmmert. Schließlich wird den Hochbetagten der Text ihrer Biografie vorgelegt oder vorgelesen. Meine ErzĂ€hlerin war so gespannt  auf ihre aufgeschriebene Geschichte, dass sie alle BegrĂŒĂŸungsfloskeln zur Seite schob und forderte „Nun fangen Sie endlich an mit dem Vorlesen“.

Im Moment arbeiten einige ehrenamtliche Mitglieder noch an ihren Texten. Es dauert, bis alle Texte vorliegen und das Buch gestaltet werden kann. Doch wir hoffen, dass die nÀchste Sammlung von Kurzbiografien im Februar/MÀrz 2018 erscheinen kann. Auf die PrÀsentation mit den hoffentlich vollzÀhlig anwesenden ErzÀhlerinnen und ErzÀhlern in der Berner Friedenskirche freue ich mich schon heute.

Marianne Laaksonen
 

 

„Gut, dass wir gefragt wurden“

Das neue Buch der Biografiewerkstatt ist da - und wurde am 5. Februar 2016 in der Friedenskirche Berne prĂ€sentiert: Emotionen pur. ZunĂ€chst der Blick der Interviewer zur TĂŒr: Kommt mein Senior, meine Seniorin schon? Dann der Blick auf den Lesetext: Bin ich gut vorbereitet? Dann der Blick in den Spiegel: Sitzt mein Haar? Dann der Blick auf das BĂŒffet: Darf ich schon naschen? Und dann- geht es endlich los. Alle sind gekommen, die Kirche ist voll, die BĂ€nke fĂŒr die Senioren sind besetzt. HĂŒbsch haben sich alle gemacht, dem Anlass angemessen. Denn es ist schon eine besondere Veranstaltung: 13 Lebensgeschichten wurden erzĂ€hlt, aufgeschrieben, im Layout hĂŒbsch gemacht, gedruckt und sind nun nachlesbar und dadurch unvergessen geworden.

Den Interviewten auf den vorderen BĂ€nken merkt man die Erregung an. Interessierte und Angehörige in den folgenden Reihen blicken gespannt nach vorn: Marianne Laaksonen, Mitglied im Leitungsteam der Biografiewerkstatt, eröffnet die Veranstaltung mit der Vorstellung des Ablaufs, es folgen BegrĂŒĂŸungsworte von Frau Pastorin Dr. Usarski, die die Wichtigkeit von Biografien betont und darauf hinweist, wieviel man aus fremden Leben lernen kann. Waltraut Hinz begleitet die Veranstaltung auf dem Akkordeon. Sie hat genau die richtigen StĂŒcke ausgewĂ€hlt, die sowohl die Ă€lteren Zuhörer kennen und mitsummen, als auch den jĂŒngeren bekannt sind. Vor der Pause lesen sieben Interviewer aus der Biografie ihrer GesprĂ€chspartner und die „Blitzlichter“ sind so unterschiedlich wie die Biografien selbst. Da erfĂ€hrt man von der Bedienung hoher Herrschaften im Alsterhaus, von den Ablenkungsmanövern der Frauen bei Wodkagelagen, vom unvorstellbaren Leid bei Vertreibung. Man lernt den „Muttervater“ von Antje, dem NDR Walross, kennen, erfĂ€hrt von tapferen Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, von einem ehemaligen Lehrer, der  in Peru gearbeitet hat und von rothaarigen MĂ€dchen, die laut Aussage der Lehrer „von Gott gezeichnet sind“

Soviel Schicksal muss erstmal verdaut werden. Dabei helfen das leckere BĂŒffet, schmackhafte Weine und SoftgetrĂ€nke. Man schwatzt, genießt und der BĂŒcherverkauf ist auch angelaufen. Die Moderatoren mĂŒssen sogar ein bisschen drĂ€ngeln, damit das Programm weitergeht, zu gerne wĂŒrde man noch miteinander plaudern. Nach der Pause sitzen wieder alle erwartungsvoll auf ihren PlĂ€tzen, um die nĂ€chsten sechs Biografieausschnitte zu hören. Wieder hören die Anwesenden erstaunliche Einzelheiten aus dem Leben von Menschen, die in der Zeitgeschichte mittendrin waren. Sie hören von einem Drucker, der auf der „MS Windhuk“ gearbeitet hat, vom unglaublichen Lagerleben verschleppter Frauen, von zahlreichen FriedhofskrĂ€nzen am Fahrrad, von GesangsvorfĂŒhrungen vom „stolzen Bauersmann“, vom Bratpfannenrodeln und geklauten Speckdosen.

Alle Interviewten erhalten ein Exemplar des neuen Buches und eine Rose, ein kleines Dankeschön, dass sie bereit waren, ihnen zunĂ€chst unbekannten Menschen ihr Leben zu erzĂ€hlen. Bei der Übergabe merkt man, wie nah sich einige Paare gekommen sind. Zum Abschluss gibt es auch fĂŒr alle Mitglieder der Biografiewerkstatt  eine Rose - stolz stehen wir da und freuen uns ĂŒber einen sehr emotionalen und gelungenen Abend.

Angelika Zörnig
 

 

Lebensgeschichte von Herta Vater

Herta-Vater-

Und wieder geht ein Federbett auf die Flucht

Herta Vater wird 1931 in Langenwaldau, einem Dorf in Niederschlesien, geboren. Sie wÀchst in einer lÀndlichen Idylle auf.

Am Heiligen Abend 1944 wird Herta 13 Jahre alt. Der Krieg dauert nun schon mehr als fĂŒnf Jahre.

Herta-Vater--(2)Im Januar 1945 rĂŒckt die Front nĂ€her. An der Oder, die etwa 100 km von Langenwaldau entfernt ist, kĂ€mpfen Russen gegen Deutsche .  Breslau, die Hauptstadt Schlesiens, ist zur Festung erklĂ€rt worden.

Dann kommt der RĂ€umungsbefehl. Etwa die HĂ€lfte der Menschen verlassen das Dorf, auch der BĂŒrgermeister sowie der OrtsbauernfĂŒhrer, ein Mann mit wichtigen Aufgaben im Dorf. Doch Hertas Mutter zögert den Aufbruch hinaus. Der Vater ist nun schon so lange im Krieg, inzwischen in SĂŒdfrankreich. Warum hat er nicht mehr geschrieben? Was ist bloß los? Deutlich spĂŒren die Kinder die Sorgen und Verzweiflung der Mutter. Wenigstens hofft sie auf ein Lebenszeichen von ihm. Insgeheim hofft sie wohl auch, er möge noch rechtzeitig zurĂŒckkehren, so dass die Familie nicht ohne seine UnterstĂŒtzung auf die Flucht gehen muss.

8. Februar, 4 Uhr morgens. Kanonendonner weckt die Familie. Jetzt treibt sie die Angst.

Der große Treck  

Hertas Mutter, deren Schwester und eine Nachbarin mit insgesamt neun Kindern bilden jetzt eine Gemeinschaft. Die VĂ€ter sind nicht dabei, als die drei Frauen mit ihren Kindern aufbrechen.  Der einzige Mann ist der Fremdarbeiter vom Bauernhof der Tante.

Sie können einen Planwagen und einen Kutschwagen sowie zwei krĂ€ftige Pferde, Max und Hans, vom großen Hof der Tante fĂŒr die Flucht nutzen. GepĂ€ck, Nahrung, Kleidung, auch Federbetten und Kopfkissen sind gut verstaut in dem Planwagen.

Die Tante sitzt mit ihren beiden jĂŒngsten Kindern, ein und vier Jahre alt, im Kutschwagen, der an den Planwagen angehĂ€ngt ist.

 Alle anderen gehen zu Fuß, auch der jĂŒngste Bruder von Herta mit seinen sechs Jahren. Von morgens bis abends laufen sie durch die eisige KĂ€lte hinter dem Pferdewagen her. 

Die Mutter bemĂŒht sich  tĂ€glich um das Quartier fĂŒr die Gruppe, wobei die Unterbringung von Max und Hans im Stall immer Vorrang hat. Auch die Menschen schlafen ausschließlich in StĂ€llen von Gutshöfen, oft auf den Futtertischen. In den WohnhĂ€usern ist kein Platz, der Treck wird tĂ€glich lĂ€nger und lĂ€nger.

Im Sudetenland mĂŒssen sie stoppen. ZwangslĂ€ufig, denn Max und Hans sind krank. Ihre DrĂŒsen sind vereitert.  Ein Pferd stirbt, sie können also nicht weiter.

Drei Wochen sind sie bis hierher gelaufen. Hat Herta in dieser Zeit geweint, weil sie Hunger hatte, weil sie gefroren hat, weil sie nicht mehr weiter konnte?

Frau Vater schĂŒttelt den Kopf. Nein, keiner von ihnen hat geweint, die Großen nicht und auch nicht die ganz Kleinen.

„Eigentlich unvorstellbar, nicht?“ sagt sie nachdenklich.

 

 

 

Dieser Auszug stammt aus der Biografie von Herrn Alfons H., der 1924 in 
 Hamburg-Rothenburgsort geboren wurde.

Ehepaar-H

Unsere Wohnung lag direkt an der Bille und wenn sie im Winter zugefroren war, spielten wir Eishockey mit einem selbstgebastelten SchlĂ€ger, manche Jungs auch mit einem Spazierstock. Ich hatte so etwas nicht, aber Opa hatte einen wunderbaren Stock, gedrechselt aus einem StĂŒck, das war sein ganzer Stolz. Den habe ich mir ungefragt ‚ausgeliehen‘ zum Eishockeyspielen. Dann hab ich einmal krĂ€ftig zugeschlagen, da ist er mir kaputt gegangen. Oooohh, Katastrophe! Ich war natĂŒrlich zu feige, das zu sagen und der Opa hat immer den Stock gesucht. Und dann hat mein Vater gesagt: „Tja, Tetje! Den hast du wohl irgendwo in der Kneipe stehen lassen.“ Mein Opa hob ganz gerne mal einen, das war ja auch gut fĂŒrs GeschĂ€ft. „Ja“, hat Opa gesagt „da muss ich denn wohl ĂŒberall mal hin.“ Er hat alle Kneipen abgelaufen, aber der Stock blieb natĂŒrlich verschwunden und er musste sich einen neuen kaufen. Ich hab nix gesagt!

Im Sommer haben wir FlĂ¶ĂŸe gebaut, die haben wir zusammengenagelt und -geschraubt. Da war Holz drunter und auch leere BehĂ€lter, Tonnen und so. Das Material fĂŒr unsere FlĂ¶ĂŸe lag so herum. Auf der anderen Flussseite standen Schuppen, da lagen Bretter und Kanister und alles Mögliche und das haben wir geklaut, wenn das da tagelang so rumlag. Mit den FlĂ¶ĂŸen sind wir auf der Bille geschippert. Ab und zu kam uns mal eine Schute entgegen, die wurde mit einem langen Stock vorwĂ€rts bewegt, da mussten wir aufpassen, dass wir nicht im Weg waren. SpĂ€ter hatte ich ein Faltboot und war im Paddelverein Rot-Weiß-Elbe.

Im Winter sind wir auch auf dem großen Ascheberg gerodelt, der war ganz schön hoch! Mit vier Mann auf so einem großen Bob und dann von oben runter. Ebenfalls sehr beliebt war das ‚Bratpfannenrodeln‘. Die MĂŒtter mussten zuhause die grĂ¶ĂŸte Bratpfanne rausrĂŒcken und damit gings dann in voller Fahrt den Ascheberg herunter. StĂŒrze waren eingeplant, denn der als Steuer vorgesehene Pfannenstiel erwies sich meistens als unzuverlĂ€ssig.

Das war eine schöne Jugend zu der damaligen Zeit, am Wasser und auf der Billerhuder Insel!

 

 

                Eine Begegnung,
                die unsere Seele berĂŒhrt,
                hinterlÀsst eine Spur,
                die nie ganz verweht
                .

                  (unbekannt)

MĂ€dchen mit roten Haaren

„Ich war kein bequemes Kind, ich war immer sehr lebendig gewesen und neugierig. In der Schule kam ich mit der Lehrerin gar nicht klar, ich war rothaarig und sie spottete oft darĂŒber mit dem Satz: ‚Wer rote Haare hat, ist von Gott gezeichnetÂŽ. Das fand ich so empörend und bis zum Ende der Schulzeit hing ich mit ihr im Clinch, ich hatte mich immer gewehrt.“ Sie beschwerte sich bei den Großeltern. „Die wollte auch, dass ich weg von den Großeltern sollte, da diese Schoof-Bild-Kinderzu alt wĂ€ren fĂŒr mich. Mein Opa kam aus Ostpreußen und war Preuße durch und durch und in der Schule sollten wir den Hitlergruß sagen. Er sagte aber zu Hause immer zu uns: ‚Der deutsche Gruß heißt Guten Morgen oder höchstens Heil GottÂŽ, was ich dann auch in der Klasse sagte. Er musste dann auf dem Kiez* aufs Amt und ich hatte Angst, dass er weg muss, aber sie haben ihn laufen lassen, da waren wir alle glĂŒcklich. Das kriegst Du ja als Kind mit. Heute weiß ich, dass das alles Nazis waren auf der Großen Freiheit. Somit war ich auch deswegen verpönt in der Klasse. Außerdem war ich mollig und Schlachters Tochter, wir hatten immer was zu essen, die annern nix. Ich hatte etwas mehr auf den Rippen. Die annern haben dann SteckrĂŒben als Brot mitgenommen und ich kriegte ja Brot mit Wurst und Aufschnitt drauf und dann hab ich die getauscht. Das fand ich immer sooo toll, ne. Ich wollte dann auch mal SteckrĂŒben haben. In der Kriegszeit wurde ja alles aus SteckrĂŒben gemacht, Kaffee, Gebratenes oder Gebackenes.“

Sonja war Einzelkind und manche Katholiken hatten viele Kinder. Im Haus lebte Mutter Olgens mit ihren vier Kindern, der Mann war mit einem U-Boot untergegangen. Inge, die JĂŒngste, hat ihren Vater gar nicht mehr kennen gelernt. Bei den Olgens fĂŒhlte sich Sonja richtig wohl. Die aßen oft Haferschleimsuppe mit Köllnflocken, das wollte Sonja auch mal probieren. Oma sagte dann zu ihr: „Du gehst doch nicht da rauf, ohne etwas mitzunehmen“, und sie gab ihr manchmal etwas mit. Sonja klaute schon mal eine Mettwurst, die Opa immer anSchoof-Bild-TantenundOma der Decke ĂŒber dem langen Tresen an einer Stange abgezĂ€hlt trocknen ließ. „Ich stieg dann auf den Tresen, habe die Wurst dahinter geschmissen, Papier drauf und dann habe ich sie in meine Trainingshose gestoppt, großen Pullover drĂŒber und Opa hat es nicht gemerkt. Mutter Olgens hat sich gefreut, aber dann auch gefragt, ob ich die geklaut hĂ€tte. Ich rief laut aus: ‚Nein, oh nein‘. Ich konnte das nicht ab, die hatten ja nix zu essen, das tat mir sooo weh.“ Sonja wusste auch immer, wenn Mutter Olgens Milchsuppe mit Zucker machte, was es bei ihr zu Hause nie gab. Sie war dann selig, wenn sie mitessen durfte, was oft geschah, auch wenn Oma wiederholt darĂŒber schimpfte. Die Familie wohnte in einer kleinen Wohnung der Katholischen Kirche, nur mit Gaslicht, und Sonja kannte schon elektrisches Licht. „Wie die da abends immer noch kochen konnten und wie sie ihr Leben geschafft haben, die Frauen im Krieg.“ Mit Inge Olgens ging sie in dieselbe Klasse, doch von heute auf morgen wurden die Evangelischen von den Katholischen getrennt. „Wir sollten nichts mehr miteinander zu tun haben laut Anordnung von oben. Inge und ich aber spielten nach wie vor miteinander.

Ausschnitt aus der Biografie von Frau Schoof

 

 

Arno Friese geb. 1912
100 Jahre Leben als Sonntagskind

arno-friese

Weil ich an einem Sonntag geboren bin, prophezeite mir meine Mutter: „Du wirst viel GlĂŒck haben in deinem Leben.“ Sie sollte Recht behalten. Ich bin am 11. August 1912 in Magdeburg auf dem Bauernhof meiner Großeltern geboren. Wahrscheinlich ein sonniger Tag. Mein Vater, von Beruf Drechsler, war GewerkschaftssekretĂ€r bei der jetzigen IG Metall* und ein waschechter Sozialdemokrat. Wir, meine Schwester, mein Bruder und ich, hatten ein sehr schönes Zuhause und sehr liebevolle Eltern. Unsere Kleidung, damals hatte man noch nicht so viel, hat unsere Mutter selbst genĂ€ht und gestrickt. Mit fĂŒnf Jahren , 1917, wurde ich in Magdeburg eingeschult und nach vier Grundschuljahren wechselte ich zur Realschule.

Nach neun Jahren war die Schule beendet und ich begann am 1. April 1926 eine Lehre als Drucker und Schriftsetzer, genannt Schweizerdegen, in einer mittelgroßen Buchdruckerei in Bremen. Im selben Jahr trat ich in die SPD ein und bin dort immer noch Mitglied; jetzt seit 86 Jahren. Den Beruf wĂ€hlte ich entsprechend meiner sozialdemokratischen Gesinnung. Die Drucker waren immer politisch links orientiert und sozialdemokratisch. „Gott grĂŒĂŸÂŽ die Kunst“ – diese Worte hörte ich gleich am ersten Tag meines Berufslebens. Den Sinn dieses Grußes verstand ich erst spĂ€ter. Die Buchdrucker galten schon immer als besondere, eigenwillige Menschen. Sie hielten sich aus gewerkschaftlicher Sicht fĂŒr die geistige Elite und standen an der Spitze der Lohnskala.

frieseUm dem MilitĂ€r zu entgehen, meldete ich mich beim Arbeitsdienst. Nach zwei Jahren war der Arbeitsdienst beendet. Der Offizier, der mich entlassen sollte, machte mir den Vorschlag, nach Hamburg zum Norddeutschen Lloyd, einer Reederei, zu gehen, wo ein Bruder von ihm arbeitete. Ich hatte GlĂŒck und konnte auf meinen zwei ersten Reisen als Moses auf einem Fahrgastschiff der Afrika-Linien anfangen. Auf der „Windhuk“  arbeitete ich als 2. Drucker.

Unsere 13. Reise begann an einem Freitag. Sie sollte nach Durban gehen. Am 26. August 1939, mittags, in Kapstadt passierte es: Plötzlich kam die Order von der Hafenbehörde, die BrennstoffĂŒbernahme zu stoppen. Der Ölschlauch, der das Schiff mit Schweröl versorgen sollte, wurde sofort abgenommen. Wir bekamen keinen Tropfen mehr. Wie sollten wir weiter nach Las Palmas kommen? Das Schiff brauchte 3000 Tonnen bis dort. Uns war klar, das bedeutete, der Krieg stand bevor. Die englischen Passagiere verließen das Schiff, es blieb noch eine österreichische Professorengruppe von 50 Personen. Um Mitternacht lief die „Windhuk“ bei voller Beleuchtung und mit dem von der Bordkapelle gespielten Deutschlandlied aus dem Hafen. Am Pier standen viele Menschen und sangen mit. Es war das letzte deutsche Schiff, das den Hafen verließ. Wir fuhren möglichst unbemerkt im Dunkeln auf dem SĂŒdatlantik, niemand von uns wusste, was jetzt werden sollte. Unsere weltbekannten Schornsteinfarben wurden ĂŒbermalt und als ein englisches Schiff markiert – als „Castle Line“.

In der Nacht zum 1. September 1939 fiel dann die befĂŒrchtete Entscheidung: Krieg! Unsere Position war Höhe Angola und wir liefen sofort den kleinen Hafen Lobito an. Hier war neutrales portugiesisches Gebiet. Es lagen bereits vier deutsche Schiffe im Hafen. Bis zum 16. November 1939 blieben wir in Lobito. Es war in dieser sehr dunklen Nacht, als zwei Schiffe den Hafen verließen, um den Durchbruch zu wagen: die „Adolph Woermann“ und die „Windhuk“. ..... Wir gerieten in einen Sturm, der uns zwang, nicht den Kurs nordwĂ€rts zu nehmen. Die Schiffsleitung fasste den Plan, den Hafen Santos in Brasilien anzusteuern. In Brasilien, einem neutralen Land, wĂ€ren wir sicher.

Es wurde eine lange Fahrt mit großen Umwegen. Im Radio hörten wir, das Passagierschiff „Windhuk“ sei im SĂŒdatlantik versenkt worden. Diese Meldung, die zum GlĂŒck falsch war, gab uns Sicherheit und wir fuhren weiter Richtung SĂŒdamerika. Inzwischen hatten wir das Schiff nochmal umgewandelt. Wir ĂŒbermalten den grauen Schiffsrumpf komplett mit schwarzer Farbe und der Schornstein bekam die japanische Maru Marke. Am Heck wehte die japanische Flagge und unser Schiff hieß jetzt „Santos Maru“. An Bord herrschte eine außerordentliche Disziplin. Obwohl das Essen immer knapper wurde, murrte niemand. Morgens gab es nur Brot und Schmalz, mittags eine dĂŒnne Suppe und abends wieder Brot und Schmalz. Die Wachen wurden nun verstĂ€rkt und auch ich hatte von 8 bis 12 Uhr nachts Wache. Mit dem Nachtglas mussten wir das Meer bis zum Horizont absuchen, ob sich nicht irgendein Schiff nĂ€herte. Wenn ich dann mutterseelenallein an Bord war und auf das Meer schaute, dachte ich oft an mein Elternhaus. Was wohl mein Vater und meine Mutter jetzt machen? Sie machten sich wohl große Sorgen, denn sie wussten nichts ĂŒber meinen Verbleib und unsere Schiffsroute. Dass die „Windhuk“ wohlbehalten in den neutralen Hafen von Santos eingelaufen war, erfuhren sie erst viel spĂ€ter per Telegramm.

Es war ein merkwĂŒrdiges GefĂŒhl, als wir wegen Mangels an Öl mit halber Kraft durch den SĂŒdatlantik fuhren. Es wurde merklich kĂ€lter, denn wir nĂ€herten uns der Eisgrenze. Zum ersten Mal sahen wir riesige Blauwale, die in aller Ruhe neben unserem Schiff schwammen und mit Getöse die Luft ausprusteten. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Aber es stellte sich ein neues Problem: Der Treibstoff ging langsam zur Neige und wir brauchten einen Hafen, wo wir Rohöl bekommen konnten. Der nĂ€chste Hafen war Bahia Blanca in Argentinien, also richteten wir den Kurs dahin. Eine Meldung von der „Admiral Graf Spee“, einem Panzerkreuzer der Deutschen Kriegsmarine, zwang uns den Kurs zu Ă€ndern. Wir sollten möglichst schnell einen neutralen Hafen anlaufen, so nĂ€herten wir uns der brasilianischen KĂŒste. Nachts fuhren wir hell beleuchtet durch einen Konvoi von englischen Handelsschiffen, die auf dem Weg nach Europa waren. Die EnglĂ€nder haben nichts gemerkt, obwohl die japanischen Schiffe nur einen Schornstein hatten, unser Schiff hatte aber zwei. SpĂ€ter lasen wir in einer brasilianischen Zeitung, dass die EnglĂ€nder sich ĂŒber den neuen japanischen Schiffstyp gewundert hĂ€tten. Da wussten sie noch nicht, welch ein großer Fisch ihnen durchs Netz gegangen war.

Morgens um fĂŒnf Uhr tauchten die Umrisse der sĂŒdamerikanischen KĂŒste auf. Endlich: Nach 21 Tagen Meer sahen wir wieder Land. Es dauerte noch fĂŒnf Stunden Fahrt an der KĂŒste entlang, bis wir in den Hafen von Santos einliefen, unter den KlĂ€ngen unserer Bordkapelle und mit der wieder aufgestellten deutschen Flagge. Ein wunderschöner Anblick: kilometerlange BadestrĂ€nde, große Hotels und ein buntes Treiben. Am 7. Dezember 1939 um 9:30 Uhr fielen im Hafen von Santos, Brasilien, endlich die Anker.

 

 

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Was macht die Biografiewerkstatt der Kirchengemeinde ?

„WĂŒrdigung des Alters“ – das war ein neues Projekt der Kirchengemeinde Farmsen-Berne . Die Pastorin Friederike Waack vom Kirchenkreis Stormarn wurde 2004 mit der Umsetzung des Projekts betraut. Es sollte eine neue Form gefunden werden, den alten Menschen, sein Leben und sein Schicksal in den Mittelpunkt zu setzen. Daraus entstand die Idee die Biografien dieser Menschen zu schreiben. Durch einen Aufruf im Gemeindebrief „Kirche in FarBe“ und eine Anzeige im „Wochenblatt“ meldete sich eine beachtliche Anzahl von Menschen, um ehrenamtlich in der Biografiewerkstatt mitzuarbeiten. Sie bekamen abwechslungsreiche, intensive Schulungen und wurden damit auf die Interviewarbeit, eventuell auftretende Trauerarbeit und das anschließende Niederschreiben vorbereitet. Seit dieser Zeit sind im Laufe der Jahre vier neue Gruppen entstanden, die insgesamt vier BĂŒcher herausgebracht haben mit Lebensgeschichten, die aus einer Zeit stammen wie sie heute kaum noch vorstellbar ist.

 Zwei beispielhafte Äußerungen von Mitarbeiterinnen als Fazit:

„Ein wunderbares Erlebnis, mit Menschen zu sprechen, die aus ihrem Leben erzĂ€hlen und Zeiten erlebt haben, die so nicht mehr wiederkehren.“

„Auch im Alter können wir noch Neues beginnen, wir mĂŒssen nur den Mut haben anzufangen.“

Ende Mai 2010 endete das auf sechs Jahre befristete Projekt der „Innovativen Seniorenarbeit“ unter der Leitung von Friederike Waack. Doch die Arbeit wird auf ehrenamtlicher Basis durch die Gruppe engagiert weitergefĂŒhrt!

In der Biografiewerkstatt arbeiten mittlerweile 18 Frauen und MĂ€nner unterschiedlichen Alters mit. Aus der gesamtem Gruppe haben sich durch die Weiterentwicklung Fachgruppen gebildet. Die Leitungsgruppe bildet die Verbindung zum Kirchenvorstand und zu den Außenkontakten. Die Gruppen „Redaktion“ und „Layout“  korrigieren die Texte und gestalten das Buch, um eine fehlerfreie professionelle Arbeit abzuliefern. Die Gruppe „Öffentlichkeitsarbeit“ bereitet Veranstaltungen, wie Lesungen, die PrĂ€sentation der neuen BĂŒcher und Werbemaßnahmen vor.

FĂŒnf BĂŒcher sind bisher erschienen:

Lebensringe sichtbar machen, 2006 , Spuren des Lebens, 2008;HabÂŽ ein einzigartig Leben, 2010 ,Wir sind alle Kinder unserer Zeit, 2013, Gut, dass wir gefragt wurden, 2016

Den Dialog zwischen den Generationen fördern und das Leben der hochbetagten Menschen in besonderer Weise zu wĂŒrdigen, ist Ziel des Projektes. Das ErzĂ€hlen ihres Lebens hilft den Ă€lteren Menschen, mit Blick auf Gutes und Schweres, ihr Leben anzunehmen und manchmal mit Stolz auf ihre Lebensleistung zu blicken. Dadurch erhĂ€lt das Leben fĂŒr sie selber eine andere Bedeutung und nachfolgende Generationen erhalten Einblicke wie das Leben auch unter widrigsten UmstĂ€nden weiterging.

Die ehrenamtliche TÀtigkeit ermöglicht den Interviewenden, ihre Gaben, FÀhigkeiten und vorhandenen Kompetenzen zu aktivieren und zu intensivieren. Nicht selten kommen dabei auch die eigenen Lebensgeschichten in den Blick.

 

 

Plakat aller BĂŒcher 2016

Die  erschienenen Werke können Sie  erhalten mittels Nachricht an die Kirchengemeinde Farmsen Berne,
 Bramfelder Weg 25b
22159 Hamburg, Tel: 643 13 53;
Mail: buero@kirche-in-farbe.de