10 Jahre Biografie Werkstatt

Unsere Biografie-BĂŒcher

 

            Termine fĂŒr Lesungen  2017

       Fr 05.05.2017     15.00 Uhr   Kirchengemeinde Ohlstedt   Bredenbekstr. 59, 22397 Hamburg

     

Sie haben Fragen zur Biografie Werkstatt, Sie möchten mitarbeiten oder mehr erfahren ?
hier Ihre Ansprechpartner

        Frau Marianne Laaksonen

    Tel.: 040 644 65 83

        Frau Christel Vierle

    Tel.: 040 643 81 81

Ihre elektronische Post können Sie an die gemeinsame E-Mail Adresse versenden:

BiografiewerkstattFarBe@yahoo.de
 

 

„Gut, dass wir gefragt wurden“

Das neue Buch der Biografiewerkstatt ist da - und wurde am 5. Februar 2016 in der Friedenskirche Berne prĂ€sentiert: Emotionen pur. ZunĂ€chst der Blick der Interviewer zur TĂŒr: Kommt mein Senior, meine Seniorin schon? Dann der Blick auf den Lesetext: Bin ich gut vorbereitet? Dann der Blick in den Spiegel: Sitzt mein Haar? Dann der Blick auf das BĂŒffet: Darf ich schon naschen? Und dann- geht es endlich los. Alle sind gekommen, die Kirche ist voll, die BĂ€nke fĂŒr die Senioren sind besetzt. HĂŒbsch haben sich alle gemacht, dem Anlass angemessen. Denn es ist schon eine besondere Veranstaltung: 13 Lebensgeschichten wurden erzĂ€hlt, aufgeschrieben, im Layout hĂŒbsch gemacht, gedruckt und sind nun nachlesbar und dadurch unvergessen geworden.

Den Interviewten auf den vorderen BĂ€nken merkt man die Erregung an. Interessierte und Angehörige in den folgenden Reihen blicken gespannt nach vorn: Marianne Laaksonen, Mitglied im Leitungsteam der Biografiewerkstatt, eröffnet die Veranstaltung mit der Vorstellung des Ablaufs, es folgen BegrĂŒĂŸungsworte von Frau Pastorin Dr. Usarski, die die Wichtigkeit von Biografien betont und darauf hinweist, wieviel man aus fremden Leben lernen kann. Waltraut Hinz begleitet die Veranstaltung auf dem Akkordeon. Sie hat genau die richtigen StĂŒcke ausgewĂ€hlt, die sowohl die Ă€lteren Zuhörer kennen und mitsummen, als auch den jĂŒngeren bekannt sind. Vor der Pause lesen sieben Interviewer aus der Biografie ihrer GesprĂ€chspartner und die „Blitzlichter“ sind so unterschiedlich wie die Biografien selbst. Da erfĂ€hrt man von der Bedienung hoher Herrschaften im Alsterhaus, von den Ablenkungsmanövern der Frauen bei Wodkagelagen, vom unvorstellbaren Leid bei Vertreibung. Man lernt den „Muttervater“ von Antje, dem NDR Walross, kennen, erfĂ€hrt von tapferen Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, von einem ehemaligen Lehrer, der  in Peru gearbeitet hat und von rothaarigen MĂ€dchen, die laut Aussage der Lehrer „von Gott gezeichnet sind“

Soviel Schicksal muss erstmal verdaut werden. Dabei helfen das leckere BĂŒffet, schmackhafte Weine und SoftgetrĂ€nke. Man schwatzt, genießt und der BĂŒcherverkauf ist auch angelaufen. Die Moderatoren mĂŒssen sogar ein bisschen drĂ€ngeln, damit das Programm weitergeht, zu gerne wĂŒrde man noch miteinander plaudern. Nach der Pause sitzen wieder alle erwartungsvoll auf ihren PlĂ€tzen, um die nĂ€chsten sechs Biografieausschnitte zu hören. Wieder hören die Anwesenden erstaunliche Einzelheiten aus dem Leben von Menschen, die in der Zeitgeschichte mittendrin waren. Sie hören von einem Drucker, der auf der „MS Windhuk“ gearbeitet hat, vom unglaublichen Lagerleben verschleppter Frauen, von zahlreichen FriedhofskrĂ€nzen am Fahrrad, von GesangsvorfĂŒhrungen vom „stolzen Bauersmann“, vom Bratpfannenrodeln und geklauten Speckdosen.

Alle Interviewten erhalten ein Exemplar des neuen Buches und eine Rose, ein kleines Dankeschön, dass sie bereit waren, ihnen zunĂ€chst unbekannten Menschen ihr Leben zu erzĂ€hlen. Bei der Übergabe merkt man, wie nah sich einige Paare gekommen sind. Zum Abschluss gibt es auch fĂŒr alle Mitglieder der Biografiewerkstatt  eine Rose - stolz stehen wir da und freuen uns ĂŒber einen sehr emotionalen und gelungenen Abend.

Angelika Zörnig
 

Heino Susott

 

Das HĂ€ufchen Elend kommt per LKW in einer verdreckten Kiste an. Von oben bis unten eingekotet, FrontalportraitĂ€ußerst Ă€ngstlich, traurig, hungrig, mit 58 Kilo lebensbedrohlich untergewichtig. Die Kiste geht auf, Baby zuckt zusammen als ein artfremdes Wesen es streichelt, genießt dann, hinter dem Kopf und am RĂŒcken gekrault zu werden – da kommt es ja selbst nicht hin. Es wird mit einer WurzelbĂŒrste geschrubbt – aaaaaaaah – mit einem Schlauch abgespritzt. Das unbekannte Wesen bietet einen Fischbrei an, den Baby ihm prompt – plplplplplp – ins Gesicht spuckt. An seinen darin eingetauchten Fingern bietet das seltsame Wesen ein anders schmeckendes Fischgericht an, Baby saugt die zwei Kilo weg – und findet seine neue Mama.

Eine Liebesgeschichte, die 22 Jahre dauern wird und das Paar zu Fernseh– , Medienstars und Publikumslieblingen macht. Der Unbekannte ist Heino Susott, Tierpfleger mit Leib und Seele, das Baby WalrossfrĂ€ulein Antje. Heino hegt und pflegt sie im Tierpark Hagenbeck, lĂ€sst sie fĂŒr Besucher Mundharmonika spielen und tritt mit ihr im Fernsehen auf bis zu seinem Ruhestand in 1998 nach fast auf den Tag genau 50 Jahren.

FĂŒtterung-quer

Geboren am 5. Oktober 1935, tritt er bei Hagenbeck am 4. Mai 1950 mit 14 eine Lehre an, weil er die Hauptschule nicht schafft, wo er einmal sitzen bleibt. Heute bekommt Dr. Susott (er ist keiner) Post von Zoos, Instituten und Wissenschaftlern aus aller Welt, die sich fĂŒr seine RatschlĂ€ge bedanken. Heino hat bei Hagenbeck Neuerungen eingefĂŒhrt, die Zoos rund um die Welt ĂŒbernahmen. Im Tierpark kann er sich verwirklichen, bringt sich selber Mauern, Klempnern, Schreinern, Imkern und GĂ€rtnern bei.

In Heinos ersten zehn Jahren ist Hitler an der Macht, die Deutschen machen Krieg. Im Januar 1939 zieht Mutter KĂ€the, die mit ihrem 2. Sohn schwanger ist, in eine DoppelhaushĂ€lfte der 1919 gegrĂŒndeten Wohnungsgenossenschaft ‚Gartenstadt Hamburg‘, wo Heino und seine Frau Elke heute noch wohnen und wo sie ihre drei Töchter groß gezogen haben.

Schon im Tierpark beginnt Heinos große Leidenschaft fĂŒr das Imkern. Es fĂŒhrt die Susotts und andere Imkerehepaare in viele LĂ€nder, zum Beispiel China und Indien.

Im September 2014 bekommt Heino Post von der Organisation Jugend forscht, bei der er seit 25 Jahren Betreuungslehrer ist. „Mit Ihrem persönlichen Einsatz haben Sie einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg von Jugend forscht geleistet,“ heißt es in dem Brief.

Noch heute, in seinem 81. Lebensjahr, schicken Schulen SchĂŒler zu ihm, die besonders an Pflanzen und Tieren interessiert sind. Dann spielt er auch schon mal den AltersmĂŒden, der eigentlich nicht mehr kann, aber man merkt, dass er wieder mal flunkert und das alles nur zu gerne macht.

 

 

Lebensgeschichte von Herta Vater

Herta-Vater-

Und wieder geht ein Federbett auf die Flucht

Herta Vater wird 1931 in Langenwaldau, einem Dorf in Niederschlesien, geboren. Sie wÀchst in einer lÀndlichen Idylle auf.

Am Heiligen Abend 1944 wird Herta 13 Jahre alt. Der Krieg dauert nun schon mehr als fĂŒnf Jahre.

Herta-Vater--(2)Im Januar 1945 rĂŒckt die Front nĂ€her. An der Oder, die etwa 100 km von Langenwaldau entfernt ist, kĂ€mpfen Russen gegen Deutsche .  Breslau, die Hauptstadt Schlesiens, ist zur Festung erklĂ€rt worden.

Dann kommt der RĂ€umungsbefehl. Etwa die HĂ€lfte der Menschen verlassen das Dorf, auch der BĂŒrgermeister sowie der OrtsbauernfĂŒhrer, ein Mann mit wichtigen Aufgaben im Dorf. Doch Hertas Mutter zögert den Aufbruch hinaus. Der Vater ist nun schon so lange im Krieg, inzwischen in SĂŒdfrankreich. Warum hat er nicht mehr geschrieben? Was ist bloß los? Deutlich spĂŒren die Kinder die Sorgen und Verzweiflung der Mutter. Wenigstens hofft sie auf ein Lebenszeichen von ihm. Insgeheim hofft sie wohl auch, er möge noch rechtzeitig zurĂŒckkehren, so dass die Familie nicht ohne seine UnterstĂŒtzung auf die Flucht gehen muss.

8. Februar, 4 Uhr morgens. Kanonendonner weckt die Familie. Jetzt treibt sie die Angst.

Der große Treck  

Hertas Mutter, deren Schwester und eine Nachbarin mit insgesamt neun Kindern bilden jetzt eine Gemeinschaft. Die VĂ€ter sind nicht dabei, als die drei Frauen mit ihren Kindern aufbrechen.  Der einzige Mann ist der Fremdarbeiter vom Bauernhof der Tante.

Sie können einen Planwagen und einen Kutschwagen sowie zwei krĂ€ftige Pferde, Max und Hans, vom großen Hof der Tante fĂŒr die Flucht nutzen. GepĂ€ck, Nahrung, Kleidung, auch Federbetten und Kopfkissen sind gut verstaut in dem Planwagen.

Die Tante sitzt mit ihren beiden jĂŒngsten Kindern, ein und vier Jahre alt, im Kutschwagen, der an den Planwagen angehĂ€ngt ist.

 Alle anderen gehen zu Fuß, auch der jĂŒngste Bruder von Herta mit seinen sechs Jahren. Von morgens bis abends laufen sie durch die eisige KĂ€lte hinter dem Pferdewagen her. 

Die Mutter bemĂŒht sich  tĂ€glich um das Quartier fĂŒr die Gruppe, wobei die Unterbringung von Max und Hans im Stall immer Vorrang hat. Auch die Menschen schlafen ausschließlich in StĂ€llen von Gutshöfen, oft auf den Futtertischen. In den WohnhĂ€usern ist kein Platz, der Treck wird tĂ€glich lĂ€nger und lĂ€nger.

Im Sudetenland mĂŒssen sie stoppen. ZwangslĂ€ufig, denn Max und Hans sind krank. Ihre DrĂŒsen sind vereitert.  Ein Pferd stirbt, sie können also nicht weiter.

Drei Wochen sind sie bis hierher gelaufen. Hat Herta in dieser Zeit geweint, weil sie Hunger hatte, weil sie gefroren hat, weil sie nicht mehr weiter konnte?

Frau Vater schĂŒttelt den Kopf. Nein, keiner von ihnen hat geweint, die Großen nicht und auch nicht die ganz Kleinen.

„Eigentlich unvorstellbar, nicht?“ sagt sie nachdenklich.

 

 

 

Wir möchten Ihnen einen kleinen Auszug aus der Biografie von Herrn Dreetz nahebringen. Herr Dreetz wurde 1931 als JĂŒngster von drei BrĂŒdern in Berlin geboren.

IDreetz 2m FrĂŒhjahr 1975 bot sich fĂŒr mich die Chance, als MilitĂ€rattachĂ© nach Belgrad zu gehen. Nach RĂŒcksprache mit meiner Frau nahm ich diese Herausforderung gerne an und wir beide begannen fleißig Serbokroatisch zu lernen. Ein halbes Jahr dauerte die intensive Vorbereitung auf mein neues Aufgabengebiet und im Oktober machte sich die ganze Familie mit einem Campingbus auf den Weg nach Belgrad. Der Wagen war bis obenhin vollgepackt mit unseren Habseligkeiten und die achtjĂ€hrige Christina erklĂ€rte begeistert, sie sei noch nie in so einem gemĂŒtlichen Kleiderschrank gereist. Man brachte uns zunĂ€chst in einem Hotel unter, aber schon nach wenigen Wochen bezogen wir eine wunderschöne Villa in Dedinje, der besten Wohngegend Belgrads. Die Kinder besuchten die Internationale Schule, in der auf Englisch unterrichtet wurde und fanden schnell Kontakt zu ihren MitschĂŒlern, die ja hĂ€ufig auch aus Diplomatenfamilien kamen.

Der außerdienstliche Kontakt zwischen den AttachĂ©s aus unterschiedlichen LĂ€ndern war ausgesprochen gut. Es gab stĂ€ndig Einladungen zu allen möglichen AnlĂ€ssen. Die 94 Botschaften hatten 94 Nationalfeiertage zu feiern und die 48 MilitĂ€rattachĂ©s alle einen ‚Tag der Armee‘. Die Absicht bei der Feierei war klar, vor allemDreetz1 wenn wir bei Kollegen vom Warschauer Pakt eingeladen waren. Man versuchte, uns unter den Tisch zu trinken und unsere Damen mussten uns hĂ€ufig mit Hinweis auf die Kinder, die dringend ins Bett mĂŒssten ‚retten‘. Aber als Nachrichtenbörse waren diese Begegnungen wichtig, genauso wie die tĂ€gliche Cocktailstunde am frĂŒhen Abend. Die Ehefrauen bekamen AuftrĂ€ge bei diesen AnlĂ€ssen. Wenn ich z.B. dem DDR-Kollegen ein paar gezielte Fragen stellen wollte, sagte ich meiner Frau: „Halt mir heute Abend den Russen vom Hals!“ Dann zog sie ein oder zwei Freundinnen hinzu und alle sind dann auf den Russen los: „ErzĂ€hlen Sie doch mal von der tollen Metro in Moskau!“. Da konnte er sich dann nicht herauswinden und ich sprach in Ruhe mit meinem ‚Zielobjekt‘.

 

 

„Wenn die Arbeit ein VergnĂŒgen ist, wird das Leben zur Freude“ In unserem neuen Buch beginnt mit diesem Zitat von Maxim Gorki die Geschichte von
 Frau Schwanebeck. Ihr Geburtsjahr ist 1925.

Frau Schwanebeck war nahezu sechzig Jahre berufstĂ€tig, davon fast fĂŒnfundvierzig im Alsterhaus.

Ich habe einige Ausschnitte aus ihrem Arbeitsleben ausgewÀhlt und zitiere nachfolgend aus dem Buch:

schwanebeck-mit-18Nach Beendigung der Schule habe ich in der Konditorei der Familie Kramer am Wiesendamm  Ecke Hufnerstraße gelernt. Mein Großvater gab mir den guten Rat, in die Lebensmittelbranche zu gehen: „Da brauchst du nie zu hungern.“ Wie Recht er doch hatte, gerade in der nachfolgenden Zeit.

Nach der Lehre wurde ich dann durch das Arbeitsamt ins MilchgeschĂ€ft am Schulterblatt vermittelt. Damals konnten Lebensmittel ausschließlich mit Marken* bezahlt werden, die haben wir geschnippelt und geklebt.

Im MilchgeschĂ€ft habe ich bis 1952 gearbeitet. Dann habe ich zu mir gesagt: „Jetzt hast du keine Lust mehr, immer schrubben, scheuern, alles muss blank sein, die schönen Kacheln, nun ist es genug.“

Daraufhin bin ich zum Alsterhaus gegangen. „Ich möchte hier arbeiten!“, habe ich gesagt. Schon kam die Frage: „Haben Sie denn ĂŒberhaupt Erfahrung?“ Na, die konnte ich vorweisen, Lehre beim Konditor, sieben Jahre MilchgeschĂ€ft. Das begeisterte den Chef. „Wann können Sie anfangen? Sie können sofort beginnen.“ Klar, es war Mitte November und das WeihnachtsgeschĂ€ft lief gerade an. Nun musste ich doch bremsen: „Ich muss erst noch kĂŒndigen, das geht nicht, dass ich einfach so aufhöre.“ Das wussten die Vorgesetzten vom Alsterhaus zu schĂ€tzen, dass sie eine so zuverlĂ€ssige und pflichtbewusste VerkĂ€uferin bekommen wĂŒrden. Mitte Februar 1952 habe ich dann im Alsterhaus angefangen.

Ins Alsterhaus kamen regelmĂ€ĂŸig zwei Schauspieler aus Berlin. Sie kamen mit der Rolltreppe hoch, weil sie im Fahrstuhl immer erkannt und angesprochen wurden. Ich sah sie und wusste schon, was sie kaufen wollten, das merkt man sich.

Ich habe bei den StĂ€nden Bescheid gesagt: „Wurst, KĂ€se, die Herren aus Berlin sind wieder da und stehen an der Bierbar.“ Der eine nahm immer eine ganze Mettwurst mit von Hamburg nach Berlin, die wurde hĂŒbsch eingepackt mit einem schönen Band drum herum. Wenn die Ware verstaut war, sagte ich den Herren Bescheid, aber sie meinten, sie hĂ€tten noch Zeit bis zum Ladenschluss, deshalb blieben sie noch ein wenig an der Bierbar.

Auch meine „ReifeprĂŒfung“ bekam ich im Alsterhaus, gewissermaßen ein Abitur ehrenhalber. Und das kam so: Es besuchte uns so ein netter Kunde, mit Hut und Schlips und Kragen, der guckte schon von weitem, denn ich bediente beim Fisch. Da war ich so gut wie nie, nur wenn es sehr voll war. Deshalb meinte der Kunde dann wohl: „Na MĂ€dchen, machst du heute dein Abitur?“ Ich freute mich: „So kann man das auch nennen !“ Rumgesprochen hat sich diese Szene bis zum Chef. „Na Abiturientin“, grĂŒĂŸte er mich beim nĂ€chsten Mal, darĂŒber haben wir dann beide herzhaft gelacht.

Ich habe ja bis zum 74. Lebensjahr gearbeitet. Ich hatte einfach keine Lust aufzuhören. Es war wirklich sehr schön.

 

 

Dieser Auszug stammt aus der Biografie von Herrn Alfons H., der 1924 in 
 Hamburg-Rothenburgsort geboren wurde.

Ehepaar-H

Unsere Wohnung lag direkt an der Bille und wenn sie im Winter zugefroren war, spielten wir Eishockey mit einem selbstgebastelten SchlĂ€ger, manche Jungs auch mit einem Spazierstock. Ich hatte so etwas nicht, aber Opa hatte einen wunderbaren Stock, gedrechselt aus einem StĂŒck, das war sein ganzer Stolz. Den habe ich mir ungefragt ‚ausgeliehen‘ zum Eishockeyspielen. Dann hab ich einmal krĂ€ftig zugeschlagen, da ist er mir kaputt gegangen. Oooohh, Katastrophe! Ich war natĂŒrlich zu feige, das zu sagen und der Opa hat immer den Stock gesucht. Und dann hat mein Vater gesagt: „Tja, Tetje! Den hast du wohl irgendwo in der Kneipe stehen lassen.“ Mein Opa hob ganz gerne mal einen, das war ja auch gut fĂŒrs GeschĂ€ft. „Ja“, hat Opa gesagt „da muss ich denn wohl ĂŒberall mal hin.“ Er hat alle Kneipen abgelaufen, aber der Stock blieb natĂŒrlich verschwunden und er musste sich einen neuen kaufen. Ich hab nix gesagt!

Im Sommer haben wir FlĂ¶ĂŸe gebaut, die haben wir zusammengenagelt und -geschraubt. Da war Holz drunter und auch leere BehĂ€lter, Tonnen und so. Das Material fĂŒr unsere FlĂ¶ĂŸe lag so herum. Auf der anderen Flussseite standen Schuppen, da lagen Bretter und Kanister und alles Mögliche und das haben wir geklaut, wenn das da tagelang so rumlag. Mit den FlĂ¶ĂŸen sind wir auf der Bille geschippert. Ab und zu kam uns mal eine Schute entgegen, die wurde mit einem langen Stock vorwĂ€rts bewegt, da mussten wir aufpassen, dass wir nicht im Weg waren. SpĂ€ter hatte ich ein Faltboot und war im Paddelverein Rot-Weiß-Elbe.

Im Winter sind wir auch auf dem großen Ascheberg gerodelt, der war ganz schön hoch! Mit vier Mann auf so einem großen Bob und dann von oben runter. Ebenfalls sehr beliebt war das ‚Bratpfannenrodeln‘. Die MĂŒtter mussten zuhause die grĂ¶ĂŸte Bratpfanne rausrĂŒcken und damit gings dann in voller Fahrt den Ascheberg herunter. StĂŒrze waren eingeplant, denn der als Steuer vorgesehene Pfannenstiel erwies sich meistens als unzuverlĂ€ssig.

Das war eine schöne Jugend zu der damaligen Zeit, am Wasser und auf der Billerhuder Insel!

 

 

                Eine Begegnung,
                die unsere Seele berĂŒhrt,
                hinterlÀsst eine Spur,
                die nie ganz verweht
                .

                  (unbekannt)

MĂ€dchen mit roten Haaren

„Ich war kein bequemes Kind, ich war immer sehr lebendig gewesen und neugierig. In der Schule kam ich mit der Lehrerin gar nicht klar, ich war rothaarig und sie spottete oft darĂŒber mit dem Satz: ‚Wer rote Haare hat, ist von Gott gezeichnetÂŽ. Das fand ich so empörend und bis zum Ende der Schulzeit hing ich mit ihr im Clinch, ich hatte mich immer gewehrt.“ Sie beschwerte sich bei den Großeltern. „Die wollte auch, dass ich weg von den Großeltern sollte, da diese Schoof-Bild-Kinderzu alt wĂ€ren fĂŒr mich. Mein Opa kam aus Ostpreußen und war Preuße durch und durch und in der Schule sollten wir den Hitlergruß sagen. Er sagte aber zu Hause immer zu uns: ‚Der deutsche Gruß heißt Guten Morgen oder höchstens Heil GottÂŽ, was ich dann auch in der Klasse sagte. Er musste dann auf dem Kiez* aufs Amt und ich hatte Angst, dass er weg muss, aber sie haben ihn laufen lassen, da waren wir alle glĂŒcklich. Das kriegst Du ja als Kind mit. Heute weiß ich, dass das alles Nazis waren auf der Großen Freiheit. Somit war ich auch deswegen verpönt in der Klasse. Außerdem war ich mollig und Schlachters Tochter, wir hatten immer was zu essen, die annern nix. Ich hatte etwas mehr auf den Rippen. Die annern haben dann SteckrĂŒben als Brot mitgenommen und ich kriegte ja Brot mit Wurst und Aufschnitt drauf und dann hab ich die getauscht. Das fand ich immer sooo toll, ne. Ich wollte dann auch mal SteckrĂŒben haben. In der Kriegszeit wurde ja alles aus SteckrĂŒben gemacht, Kaffee, Gebratenes oder Gebackenes.“

Sonja war Einzelkind und manche Katholiken hatten viele Kinder. Im Haus lebte Mutter Olgens mit ihren vier Kindern, der Mann war mit einem U-Boot untergegangen. Inge, die JĂŒngste, hat ihren Vater gar nicht mehr kennen gelernt. Bei den Olgens fĂŒhlte sich Sonja richtig wohl. Die aßen oft Haferschleimsuppe mit Köllnflocken, das wollte Sonja auch mal probieren. Oma sagte dann zu ihr: „Du gehst doch nicht da rauf, ohne etwas mitzunehmen“, und sie gab ihr manchmal etwas mit. Sonja klaute schon mal eine Mettwurst, die Opa immer anSchoof-Bild-TantenundOma der Decke ĂŒber dem langen Tresen an einer Stange abgezĂ€hlt trocknen ließ. „Ich stieg dann auf den Tresen, habe die Wurst dahinter geschmissen, Papier drauf und dann habe ich sie in meine Trainingshose gestoppt, großen Pullover drĂŒber und Opa hat es nicht gemerkt. Mutter Olgens hat sich gefreut, aber dann auch gefragt, ob ich die geklaut hĂ€tte. Ich rief laut aus: ‚Nein, oh nein‘. Ich konnte das nicht ab, die hatten ja nix zu essen, das tat mir sooo weh.“ Sonja wusste auch immer, wenn Mutter Olgens Milchsuppe mit Zucker machte, was es bei ihr zu Hause nie gab. Sie war dann selig, wenn sie mitessen durfte, was oft geschah, auch wenn Oma wiederholt darĂŒber schimpfte. Die Familie wohnte in einer kleinen Wohnung der Katholischen Kirche, nur mit Gaslicht, und Sonja kannte schon elektrisches Licht. „Wie die da abends immer noch kochen konnten und wie sie ihr Leben geschafft haben, die Frauen im Krieg.“ Mit Inge Olgens ging sie in dieselbe Klasse, doch von heute auf morgen wurden die Evangelischen von den Katholischen getrennt. „Wir sollten nichts mehr miteinander zu tun haben laut Anordnung von oben. Inge und ich aber spielten nach wie vor miteinander.

Ausschnitt aus der Biografie von Frau Schoof

 

Georg Stefaniak wurde 1930 in Bialystok, Polen, geboren.

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Mutter hatte im Krieg noch einmal geheiratet, den Polizeibeamten Rathke. Den hab ich fast nie gesehen, weil er in Gefangenschaft geriet. Er hatte in Hamburg Familie und so kamen wir nach Bergedorf. Er war ursprĂŒnglich Tischler und hatte nach seiner Freilassung eine Arbeitsstelle in Curslack in den Vierlanden gefunden.

StefaniakMeine Mutter und mein Stiefvater hatten nur ein Zimmer. Deshalb bin ich mit meiner Mutter den Elbdeich abgelaufen und sie hat ĂŒberall gefragt, ob jemand einen Jungen zum Arbeiten brauchen könnte. Bin auf dem Krauel bei Kirchwerder hĂ€ngen geblieben. Ich hatte ein Zimmer unterm Dach mit einem schönen Blick, die Landschaft glitzerte im Winter. Dort hab ich es gut gehabt, ich wurde sehr sehr gut behandelt. Binnendeichs ging es unten ins Haus, butendeichs direkt vom Deich in die gute Stube. Und ich wohnte noch ein Stockwerk höher. Die Frau, die dort wohnte, war allein, ihr Mann war wohl gefallen, sie hatte eine 20-jĂ€hrige Tochter. Und der alte Opa lebte noch da, mit dem hab ich mich gut verstanden. Wir haben zusammen Schnaps gebrannt. Wenn der alle war, sagte er: „Du musst mal wieder anfangen, Jung!“

Von da an gings aufwĂ€rts. Zwei bis drei Jahre bin ich dort gewesen, dann hat Mutter mich da weggezogen. Der Junge sollte was lernen! Da lag es nahe, GĂ€rtner zu werden. Meine Mutter war eine nette gute Frau, aber mir gegenĂŒber war sie rigoros, sie hat mich gegen meinen Willen da weggeholt. Sie konnte sich durchsetzen. Ich bekam eine Lehrstelle zum GĂ€rtner in Bergedorf und wohnte in Tiefstack bei Mutter und meinem Stiefvater. Sie hatten eine Einzimmer-Werkswohnung. Die Lehre ging vom 1. April 1949 bis zum 31. MĂ€rz 1951. Ich bin jeden Tag mit der Bahn gependelt. Das gefiel mir gut. Die GĂ€rtnerei hatte auch einen Blumenladen, aber noch kein Auto. FĂŒr eine Beerdigung musste ich mal fĂŒnf KrĂ€nze nach LohbrĂŒgge bringen. Die hab ich mir alle an mein Fahrrad gehĂ€ngt. Der Polizist auf dem Marktplatz hielt mich an und fragte: „In welchem Zirkus bist du denn?“

 

 

Arno Friese geb. 1912
100 Jahre Leben als Sonntagskind

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Weil ich an einem Sonntag geboren bin, prophezeite mir meine Mutter: „Du wirst viel GlĂŒck haben in deinem Leben.“ Sie sollte Recht behalten. Ich bin am 11. August 1912 in Magdeburg auf dem Bauernhof meiner Großeltern geboren. Wahrscheinlich ein sonniger Tag. Mein Vater, von Beruf Drechsler, war GewerkschaftssekretĂ€r bei der jetzigen IG Metall* und ein waschechter Sozialdemokrat. Wir, meine Schwester, mein Bruder und ich, hatten ein sehr schönes Zuhause und sehr liebevolle Eltern. Unsere Kleidung, damals hatte man noch nicht so viel, hat unsere Mutter selbst genĂ€ht und gestrickt. Mit fĂŒnf Jahren , 1917, wurde ich in Magdeburg eingeschult und nach vier Grundschuljahren wechselte ich zur Realschule.

Nach neun Jahren war die Schule beendet und ich begann am 1. April 1926 eine Lehre als Drucker und Schriftsetzer, genannt Schweizerdegen, in einer mittelgroßen Buchdruckerei in Bremen. Im selben Jahr trat ich in die SPD ein und bin dort immer noch Mitglied; jetzt seit 86 Jahren. Den Beruf wĂ€hlte ich entsprechend meiner sozialdemokratischen Gesinnung. Die Drucker waren immer politisch links orientiert und sozialdemokratisch. „Gott grĂŒĂŸÂŽ die Kunst“ – diese Worte hörte ich gleich am ersten Tag meines Berufslebens. Den Sinn dieses Grußes verstand ich erst spĂ€ter. Die Buchdrucker galten schon immer als besondere, eigenwillige Menschen. Sie hielten sich aus gewerkschaftlicher Sicht fĂŒr die geistige Elite und standen an der Spitze der Lohnskala.

frieseUm dem MilitĂ€r zu entgehen, meldete ich mich beim Arbeitsdienst. Nach zwei Jahren war der Arbeitsdienst beendet. Der Offizier, der mich entlassen sollte, machte mir den Vorschlag, nach Hamburg zum Norddeutschen Lloyd, einer Reederei, zu gehen, wo ein Bruder von ihm arbeitete. Ich hatte GlĂŒck und konnte auf meinen zwei ersten Reisen als Moses auf einem Fahrgastschiff der Afrika-Linien anfangen. Auf der „Windhuk“  arbeitete ich als 2. Drucker.

Unsere 13. Reise begann an einem Freitag. Sie sollte nach Durban gehen. Am 26. August 1939, mittags, in Kapstadt passierte es: Plötzlich kam die Order von der Hafenbehörde, die BrennstoffĂŒbernahme zu stoppen. Der Ölschlauch, der das Schiff mit Schweröl versorgen sollte, wurde sofort abgenommen. Wir bekamen keinen Tropfen mehr. Wie sollten wir weiter nach Las Palmas kommen? Das Schiff brauchte 3000 Tonnen bis dort. Uns war klar, das bedeutete, der Krieg stand bevor. Die englischen Passagiere verließen das Schiff, es blieb noch eine österreichische Professorengruppe von 50 Personen. Um Mitternacht lief die „Windhuk“ bei voller Beleuchtung und mit dem von der Bordkapelle gespielten Deutschlandlied aus dem Hafen. Am Pier standen viele Menschen und sangen mit. Es war das letzte deutsche Schiff, das den Hafen verließ. Wir fuhren möglichst unbemerkt im Dunkeln auf dem SĂŒdatlantik, niemand von uns wusste, was jetzt werden sollte. Unsere weltbekannten Schornsteinfarben wurden ĂŒbermalt und als ein englisches Schiff markiert – als „Castle Line“.

In der Nacht zum 1. September 1939 fiel dann die befĂŒrchtete Entscheidung: Krieg! Unsere Position war Höhe Angola und wir liefen sofort den kleinen Hafen Lobito an. Hier war neutrales portugiesisches Gebiet. Es lagen bereits vier deutsche Schiffe im Hafen. Bis zum 16. November 1939 blieben wir in Lobito. Es war in dieser sehr dunklen Nacht, als zwei Schiffe den Hafen verließen, um den Durchbruch zu wagen: die „Adolph Woermann“ und die „Windhuk“. ..... Wir gerieten in einen Sturm, der uns zwang, nicht den Kurs nordwĂ€rts zu nehmen. Die Schiffsleitung fasste den Plan, den Hafen Santos in Brasilien anzusteuern. In Brasilien, einem neutralen Land, wĂ€ren wir sicher.

Es wurde eine lange Fahrt mit großen Umwegen. Im Radio hörten wir, das Passagierschiff „Windhuk“ sei im SĂŒdatlantik versenkt worden. Diese Meldung, die zum GlĂŒck falsch war, gab uns Sicherheit und wir fuhren weiter Richtung SĂŒdamerika. Inzwischen hatten wir das Schiff nochmal umgewandelt. Wir ĂŒbermalten den grauen Schiffsrumpf komplett mit schwarzer Farbe und der Schornstein bekam die japanische Maru Marke. Am Heck wehte die japanische Flagge und unser Schiff hieß jetzt „Santos Maru“. An Bord herrschte eine außerordentliche Disziplin. Obwohl das Essen immer knapper wurde, murrte niemand. Morgens gab es nur Brot und Schmalz, mittags eine dĂŒnne Suppe und abends wieder Brot und Schmalz. Die Wachen wurden nun verstĂ€rkt und auch ich hatte von 8 bis 12 Uhr nachts Wache. Mit dem Nachtglas mussten wir das Meer bis zum Horizont absuchen, ob sich nicht irgendein Schiff nĂ€herte. Wenn ich dann mutterseelenallein an Bord war und auf das Meer schaute, dachte ich oft an mein Elternhaus. Was wohl mein Vater und meine Mutter jetzt machen? Sie machten sich wohl große Sorgen, denn sie wussten nichts ĂŒber meinen Verbleib und unsere Schiffsroute. Dass die „Windhuk“ wohlbehalten in den neutralen Hafen von Santos eingelaufen war, erfuhren sie erst viel spĂ€ter per Telegramm.

Es war ein merkwĂŒrdiges GefĂŒhl, als wir wegen Mangels an Öl mit halber Kraft durch den SĂŒdatlantik fuhren. Es wurde merklich kĂ€lter, denn wir nĂ€herten uns der Eisgrenze. Zum ersten Mal sahen wir riesige Blauwale, die in aller Ruhe neben unserem Schiff schwammen und mit Getöse die Luft ausprusteten. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Aber es stellte sich ein neues Problem: Der Treibstoff ging langsam zur Neige und wir brauchten einen Hafen, wo wir Rohöl bekommen konnten. Der nĂ€chste Hafen war Bahia Blanca in Argentinien, also richteten wir den Kurs dahin. Eine Meldung von der „Admiral Graf Spee“, einem Panzerkreuzer der Deutschen Kriegsmarine, zwang uns den Kurs zu Ă€ndern. Wir sollten möglichst schnell einen neutralen Hafen anlaufen, so nĂ€herten wir uns der brasilianischen KĂŒste. Nachts fuhren wir hell beleuchtet durch einen Konvoi von englischen Handelsschiffen, die auf dem Weg nach Europa waren. Die EnglĂ€nder haben nichts gemerkt, obwohl die japanischen Schiffe nur einen Schornstein hatten, unser Schiff hatte aber zwei. SpĂ€ter lasen wir in einer brasilianischen Zeitung, dass die EnglĂ€nder sich ĂŒber den neuen japanischen Schiffstyp gewundert hĂ€tten. Da wussten sie noch nicht, welch ein großer Fisch ihnen durchs Netz gegangen war.

Morgens um fĂŒnf Uhr tauchten die Umrisse der sĂŒdamerikanischen KĂŒste auf. Endlich: Nach 21 Tagen Meer sahen wir wieder Land. Es dauerte noch fĂŒnf Stunden Fahrt an der KĂŒste entlang, bis wir in den Hafen von Santos einliefen, unter den KlĂ€ngen unserer Bordkapelle und mit der wieder aufgestellten deutschen Flagge. Ein wunderschöner Anblick: kilometerlange BadestrĂ€nde, große Hotels und ein buntes Treiben. Am 7. Dezember 1939 um 9:30 Uhr fielen im Hafen von Santos, Brasilien, endlich die Anker.

 

 

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10 Jahre Biografiewerkstatt in Farmsen-Berne: Wir gratulieren

Zu dem Projekt „Innovative Seniorenarbeit“ haben wir uns als Gemeinde 2003 in einer schwierigen Situation entschieden. Die zugewiesenen Haushaltsmittel waren erheblich gekĂŒrzt worden, ebenso die Pastorenstellen. Unsere hauptamtlichen Mitarbeiter im Bereich Seniorenarbeit befanden sich kurz vor der Pensionierung und allen war klar, dass eine Neubesetzung aus finanziellen GrĂŒnden nicht möglich sein wĂŒrde. Trotzdem entschlossen wir uns, neue Horizonte zu erschließen und beantragten eine „Projektpfarrstelle fĂŒr innovative Seniorenarbeit“ beim damaligen Kirchenkreis Stormarn. Bei der konkreten Planung haben wir uns leiten lassen von dem Begriff „Kultur der WĂŒrdigung“, denn unser Anliegen bestand darin, die sogenannte Generation 55+ zu gewinnen fĂŒr ein ZukunftsbĂŒndnis mit den Älteren der hohen Lebensstufen.

Mit Pastorin Friederike Waack wurde 2004 die Projektstelle besetzt und sie konkretisierte alsbald die Idee eines biografiebezogenen Projekts. Pastorin Waack verstand es, Menschen fĂŒr diese Aufgabe zu begeistern, sodass schon im April 2006 das erste Buch „Lebensringe sichtbar machen“ erschien. 

Die BĂŒcher sind eine wahre Fundgrube, um etwas ĂŒber das Alltagsleben der Kriegsgeneration zu erfahren. Sogar eine HundertjĂ€hrige erzĂ€hlt ihre Geschichte. Sie kann sich noch an Kaiser Wilhelm II. erinnern und hat seinen Besuch in Hamburg miterlebt.

 â€žWir hatten uns mit vielen anderen Leuten am Dammtor eingefunden, standen Spalier und reckten unsere HĂ€lse, um ihn sehen zu können, als er an uns vorbeifuhr.“ erzĂ€hlt sie.

Viele berichten davon, wie ihr Leben durch den zweiten Weltkrieg erschĂŒttert wurde. Da werden Zettel an die Steine der ausgebrannten HĂ€user geheftet mit der Angabe, wo man Zuflucht gesucht hat. Kinder, deren VĂ€ter aus der Kriegsgefangenschaft kommen, fragen, wer denn dieser fremde Mann sei, der da plötzlich in ihrem Wohnzimmer sitzt.

Mit diesen beeindruckenden Einblicken in die Biografien von Zeitzeugen des letzten Jahrhunderts wird Geschichte lebendig. Die Biografiewerkstatt Farmsen-Berne erlangte in kurzer Zeit große Ausstrahlung, sodass sogar im NDR ein Beitrag ĂŒber die Arbeit gesendet wurde. Viele Anfragen fĂŒhrten dazu, zusĂ€tzlich ein Handbuch zu erarbeiten fĂŒr Initiativen, die ebenfalls Ă€hnliche Projekte ins Leben rufen wollen. Dieses Handbuch hat inzwischen etlichen Gruppen geholfen, mit der Biografiearbeit zu beginnen. Wie nach dem Auslaufen der Projektpfarrstelle 2010 die Arbeit weitergehen könnte, haben wir mit den Ehrenamtlichen der Biografiewerkstatt intensiv beraten. Wir freuten uns als Kirchengemeinderat darĂŒber, dass die ehrenamtlichen Mitarbeiter mit hohem Engagement und großer Kompetenz die Arbeit weiterfĂŒhren wollten. Zudem konnten die Pröpste im Ruhestand Jutta Gross-Ricker und Helmer-Christoph Lehmann als ehrenamtliche Begleiter und Berater gewonnen werden. Ihnen sei Dank gesagt, dass sie den Übergang in die rein ehrenamtlich getragene Arbeit mit gestaltet haben. Beide sind Anfang 2014 ausgeschieden, sodass nun wieder ein neuer Abschnitt bevorsteht.

Wir gratulieren zum 10jĂ€hrigen JubilĂ€um, sind sehr dankbar fĂŒr diesen kreativen Zweig unserer Gemeindearbeit und neugierig auf die weiteren Publikationen der Biografiewerkstatt. Wir bedanken uns bei allen ehrenamtlich TĂ€tigen von Herzen dafĂŒr, dass sie das Projekt Biografiearbeit weiterhin befördern.

Pastorin Usarski (fĂŒr den Kirchengemeinderat)

 

 

Plakat aller BĂŒcher 2016

Die  erschienenen Werke können Sie  erhalten mittels Nachricht an die Kirchengemeinde Farmsen Berne,
 Bramfelder Weg 25b
22159 Hamburg, Tel: 643 13 53;
Mail: buero@kirche-in-farbe.de